DAS MUSEUM Tragik der Vergangenheit / visionärer Handlungsspielraum der Zukunft

Gemeindebrief
von Armin M.
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An dieser Stelle erfolgt die Zusammenfassung eines Vortrags über das Museum in der Friedensstadt Weißenberg, der in der Kirchentagswoche gehalten wurde. Darin hat Franziskus Stein seine Diplomarbeit der Kirchentagsgemeinde vorgestellt. Mit seiner freundlichen Genehmigung darf ich aus diesem Vortrag z.T. zitieren und kürzen, was keinesfalls die Komplexität seiner Expertise widerspiegeln kann.

Als Gründer der heutigen Johannischen Kirche plante Joseph Weißenberg vor über 100 Jahren eine genossenschaftlich organisierte Siedlung für mehr als 15.000 Einwohner, die in der damaligen Zeit ihres Gleichen suchte. Es sollte eine „Stadt des Friedens“ entstehen, deren Intention gelebte Nächstenliebe war.

Bis zum Verbot der Kirche 1935 durch die Nationalsozialisten wurden mehr als 4000 Meter Stromnetz, 3000 Meter Wasserleitungen, Schmuckplätze, Dämme, Terrassen, Baumbepflanzungen, Straßen und mehr als 40 Häuser errichtet, ohne staatliche Hilfe oder Unterstützung. Neben vielen Wohngebäuden und einem landwirtschaftlichen Betrieb entstanden in der christlichen Siedlung bis 1935 auch zahlreiche öffentliche Gebäude, wie ein Altersheim, eine Schule und ein Museum. Ein Teil der Diplom-Zulassungsarbeit von Franziskus Stein beschäftigt sich intensiv mit einer bis dahin noch nie erforschten, historisch biografischen Aufarbeitung des Museumgebäudes . Er beleuchtet die Entwicklung des Hauses während der Siedlerzeit, der Zeit der Zwangsenteignung durch die Nationalsozialisten, sowie die Fremdnutzung durch die Waffen-SS und die sowjetische Garnison Glau. Zusätzlich wird durch selbst geführte Zeitzeugeninterviews, recherchierte Umbaupläne und Nutzungsideen ein Überblick der Gebäudenutzung nach Rückgabe der Friedensstadt bis heute aufgezeigt.

Hier sollen auch Visionen der pädagogisch musealen Nutzung und Ideen für ein neues, abwechslungsreiches Museumskonzept erarbeitet werden.

An hohen Feiertagen der Kirche zählte das Museum bis zum Verbot an einem Tage bis zu 4.000 Besucher, die durch einen Rundgang des mittig geteilten Raumes geführt wurden. Man könnte das damalige Museum am ehesten unter die Kategorie „Heimatmuseum“ einordnen.

Die Diplomarbeit listet sehr dezidiert die alten Exponate des Museums auf und man staunt, was in dieser kurzen Zeit von nur fünf Jahren alles zusammengetragen wurde. Davon ist leider nahezu nichts erhalten geblieben, da sich die Nationalsozialisten an den Museumsexponaten sehr reichlich bedienten und diese im August 1935 beschlagnahmten und abtransportierten.

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Nach der Rückgabe der Friedensstadt 1994 an die Johannische Kirche beschäftigten sich 1995 zwei Architekturbüros nacheinander mit dem Ausbau des Museumsgebäudes zu einem Café und Restaurant; die Realisierung scheiterte jedoch an der Finanzierbarkeit.

In den letzten Jahren wurden die Räumlichkeiten für Ausstellungen, Film- und Fotoshows sowie andere kulturelle Angebote genutzt. In ehrenamtlicher Arbeit wurden Holzarbeiten an Fenstern und Türen originalgetreu rekonstruiert und eingebracht. Zur Zeit wird das Museumsgebäude als Verkaufsladen für gebrauchte Bücher und Kleinmöbel genutzt.

Da die Siedlung Weißenberg nach Dr. Marcus Cante vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalspflege „außerordentliche historische Bedeutung hat, ist diese einmalige Anlage ein wichtiger Bestandteil der brandenburgischen Kulturlandschaft“. Neben anderen Gebäuden der Siedlung wurde das Museum unter Denkmalschutz gestellt.

Es wäre nun an der Zeit ein Angebot zu schaffen, das begeisternd für Bildungsvereine und kulturpädagogische Projekte mit vielfältigen Kooperationen offen ist. Das Museum wäre einerseits Präsentationsort, andererseits ein aktiver Veranstaltungsort für eine Vielfalt zeitgenössischer Aktivitäten im urbanen Raum.

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Da sich das Gebäude an einer nach Süden gerichteten Hanglage befindet, bietet sich eine Unterkellerung in Sichtbeton mit einer vorgezogenen Glasfront an, um historische Maße und Radien aufzunehmen.

Die inhaltlichen Themen des neuen Museums könnten Kooperationen mit statlichen Museen wie dem Deutschen Historischen Museum Berlin sein. Eine Ausstellungs-kooperation mit dem Museum Sachsenhausen könnte intensiv die Zeit des KZ-Außenlagers in der Friedensstadt veranschaulichen. Eine Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst liegt auf der Hand, um die sowjetische Besatzungszeit der Garnison Glau besser zu verstehen. Die Ideen-Sammlung des Autors dieser Diplomarbeit ist schier unerschöpflich. Auch die Finanzierbarkeit des Projekts wurde in vielen Facetten beleuchtet. Die Inanspruchnahme von Fördergeldern, Bund, Land und Region sind aufgelistet, einschließlich finanzieller Unterstützungen in der Nachwuchsförderung. Die Gründung eines eigenen Museum-Vereins ist naheliegend und geboten.

Die vorstehende Kurzfassung der hundertseitigen Diplomarbeit kann natürlich nicht die präzise Ausarbeitung über das Siedlungswerk der Friedensstadt ersetzen. Im Kontex zur Gründungszeit, Kriegszeit, Besatzungszeit und Nachkriegszeit im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und weltpolitischen Ereignissen stehend, ist diese Arbeit ein herausragendes Werk auch für unsere Kirchengeschichte.

Aus der Sicht älterer Kirchenmitglieder ist es berührend, wie immer mehr Generationen herangeführt werden, die sich des Themas einer Stadt des Friedens annehmen und diese mit handwerklicher Vielfalt und Nachhaltigkeit, sowie mit wissenschaftlicher Tiefe an vielen Stellen beleben, z.B. „Projekt Der Glauer Hof“, Schule und Schulverein, Kita-Neubau und alternative Wohnprojekte, um nur einige zu nennen.

Für Interessierte ist eine PDF-Fassung der Diplomarbeit abrufbar.

Bildmaterial: Franziskus Stein, Armin Matstedt und Privatarchive