Die Kinder und der Krieg

Gemeindebrief
von Johanna R.
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Das sind zwei Wörter, die nichts miteinander zu tun haben sollten. Aber leider befinden sich Länder unseres Kontinents derzeit im Krieg miteinander. Das belastet nicht nur uns, sondern auch unsere Kinder. Sie sind sehr in Sorge um den Zustand, der nicht weit von uns tobt.

Als der Krieg in der Ukraine begann befand ich mich gerade in Quarantäne. Die erste Frage meiner Schulkinder (6. Klasse), als ich wieder zurück in die Schule durfte, war, ob ich mit ihnen über den Krieg sprechen könne.

Ganz ehrlich – das ist gar nicht einfach, denn meine Gesprächspartner sind doch Kinder. Im Gegensatz zu Erwachsenen fehlt ihnen häufig noch der Überblick. Zusammenhänge, die uns klar sind, fehlen ihnen. Hier gilt es nun, behutsam zu erklären, ohne Ängste zu wecken.

Ein wichtiger Grundsatz beim Erklären politischer Zusammenhänge ist die Wahrung der Neutralität. Das bedeutet, Fakten so wertneutral wie möglich darzustellen, ohne den Kindern meine eigene Meinung „aufzudrücken“ oder unauffällig „unterzujubeln“. Im Fach Gesellschaftswissenschaften (Erdkunde, Geschichte, Politik), welches die Kinder in Berlin ab der 5. Klasse haben, ist ein Ziel des Unterrichts, sie zu eigener Urteilsfähigkeit zu führen. Für ein Kind heißt das, zu lernen, welche Werte ihm wichtig sind, welche Haltung es bei bestimmten Handlungsweisen anderer Menschen gegenüber einnimmt, für seine Meinung einzustehen und diese zu begründen.

Am Ende soll dieser Unterricht die Kinder zu eigenständig, demokratisch denkenden Menschen werden lassen. Wir wünschen uns, dass sie als erwachsene Menschen befähigt sind, unsere derzeitigen Aufgaben zu übernehmen und/oder zu hinterfragen. Sie werden die Gestaltung unseres Landes, ob politisch oder religiös übernehmen.

Am Ende werden diese Menschenkinder weiter auf unserer Erde sein, wenn wir nicht mehr da sind. Sie müssen mit den Konsequenzen unseres Handels leben, so wie ihre Kinder einmal mit den Ergebnissen ihrer Ideen für die Welt zurechtkommen müssen.

Nun aber zurück zu dem Gespräch über den Krieg. Folgende Fragen bewegte die Kinder:

  • Wird Putin eine Atombombe zünden?
  • Warum werden die Spritpreise so teuer?
  • Können wir etwas tun, um Putin aufzuhalten?
  • Hat er oder sein Verhalten Ähnlichkeiten mit Adolf Hitler?
  • Warum lehnen manche Politiker Putin nicht ehrlich und öffentlich ab?
  • Warum gehen die Soldaten nicht einfach nach Hause

Schnell zeigte sich bei diesen Fragen, dass sie schwer zu beantworten sind. Ich bemühte mich nach bestem Vermögen – auch um Neutralität. Immer wieder kamen auch aggressive Gedanken in den Kindern hoch. „Sollte man Putin nicht mal richtig…“.

Wenn die Kinder so etwas aussprechen, was sie denken, spüre ich sehr genau, dass meine Gedanken manchmal in dieselbe Richtung gehen. Nun kennen wir uns mit der Welt der Gedanken aus. So bemühe ich mich dann, in eine ganz andere Richtung zu denken. Das teile ich den Kindern genau so mit. Ich sage ihnen, dass ich das Gefühl habe, dass wir mit guten Gedanken, die wir hier in Deutschland haben, auch dort in der Ukraine eine Menge Gutes bewirken können.

Was können wir für die Menschen dort oder die Flüchtenden hier tun? Die Kinder erzählten, wie ihre Eltern Geld oder Sachen gespendet hatten. Einige Familien haben ukrainische Familien in ihren Häusern aufgenommen. Das Wichtigste für die Kinder meiner Klasse ist, etwas zu tun. So wurde bei uns an der Schule ein Kuchenverkauf aller Klassen organisiert – ein Stück Kuchen gegen eine Spende. Der Erlös geht dann an eine Hilfsorganisation.

Am Ende meiner Gesprächsrunde über den Krieg bat ich die Kinder, ihre Gedanken zu sammeln und sich für die betroffenen Menschen in Osteuropa etwas zu wünschen. Eigentlich wollte ich sie mit dieser Aufforderung und ihren Gedanken nach Hause schicken. Aber sofort gingen ihre Finger nach oben und es war klar, dass diese Wünsche noch ausgesprochen werden mussten.

Einige dieser Wünsche lauteten: Ich wünsche,

  • dass alle Familien zusammenbleiben können
  • dass niemand verletzt wird
  • dass niemand frieren muss
  • dass die Flüchtlinge hier Wohnungen finden
  • dass nicht mehr geschossen wird
  • dass alle gesund bleiben
  • einfach Frieden

Als so viele Kinder liebevoll Gutes für den Frieden wünschten, spürte ich sofort, die Ernsthaftigkeit, die hinter jedem einzelnen Wunsch oder Gedanken steckt und dass diese Wünsche an der richtigen Stelle ankommen werden. Ein Tipp von mir für die Kinder war, immer wieder gute Wünsche und Gedanken zu denken und zu den betroffenen Menschen zu senden.

Im Kunstunterricht habe ich mit den Kindern dann das Thema noch einmal aufgegriffen.

Natürlich können wir jetzt denken, dass es uns und unseren Kindern im Vergleich zu den Menschen in der Ukraine doch wirklich gut geht. Das ist richtig!

Aber Kinder sind feinsinnige Wesen. Sie spüren die Bedenken und die Ängste der Erwachsenen, sie hören Nachrichten und sehen Bilder. Sie können nicht immer unterscheiden was davon wahr oder falsch ist. Es lässt sie womöglich schlecht träumen. Ihr Kopf kann zum Lernen nicht immer frei sein. Sie kommen aus einer Pandemie, in der sie ganz „Normales“ (alles was mit großer Nähe und Spaß und enger Freundschaft und Gemeinschaft und Austausch in großen Gruppen zu tun hat) entbehren mussten und noch müssen. Etwas, was die Menschen meines Alters in dieser Weise nicht erlebt haben und wofür unsere Generation in besonderer Weise dankbar sein kann.

Meistens klaglos halten die Kinder sich an die verordneten Regeln, tragen ihre Masken und halten Abstand zueinander. Auf jede Situation stellen sie sich flexibel ein. Umso mehr brauchen sie jetzt unsere Nähe, unseren Zuspruch unser Lob, schöne Eindrücke, wenn sie an die Menschen im Kriegsgebiet denken. Seien wir füreinander da!