Erinnerung

Gemeindebrief
von Norbert T.
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In die Jahre gekommen, beginnt man sich zu erinnern an das, was wichtig im eigenen Leben gewesen ist, was es an beruflichen und privaten Höhepunkten gegeben hat, wie Ereignisse Einfluss genommen haben auf unsere Zukunft, welche Wendepunkte es gegeben hat, die uns so tief beeinflusst haben, dass sich unser gesamtes Dasein verändert hat. Es können private Erlebnisse gewesen sein, wie eine innige Freundschaft oder die Liebe zu einem Partner, die uns in ungeplanter Hinsicht in neue Bahnen gelenkt hat, es kann die Geburt des ersten Kindes oder das Zerbrechen einer Partnerschaft oder der schmerzvolle Verlust eines lieben Menschen, es kann ein eindrucksvolles Erlebnis gewesen sein und - wir erinnern uns noch heute daran.

Als unser Kirchengründer und Meister Joseph Weißenberg vor nunmehr 1920 voraus sah, dass nach dem 1. Weltkrieg eine Inflation drohte, die viele einfache Menschen verarmen lassen würde, gründete er 1920 mit seinen Anhängern eine christliche Siedlung in den Glauer Bergen. Im festen Glauben und Vertrauen gaben sie alles, was sie entbehren konnten, und selbst ihre Trauringe wurden verkauft, um die Friedensstadt zu erbauen. Auf diese Weise fanden viele Familien eine neue Heimat, Arbeit und eine Möglichkeit, zu überleben. Die Friedensstadt wurde in Deutschland zu einer anerkannten Mustersiedlung. Wir erinnern uns, dass ein diktatorisches Unrechts-Regime diese Friedensstadt enteignen wollte, aber viele Siedlungsgenossen nach dem Kirchenverbot im Januar 1935 dem Zwangs-verkauf nicht zugestimmt haben, obwohl sie durch Gefängnishaft und Verfolgung dazu gezwungen werden sollten. Joseph Weißenberg hatte einst prophezeit, dass die Flure der Schule in der Friedensstadt breit sein sollten, da sie von vielen Soldaten bewohnt sein würde. Als die Anhänger des Meisters zunehmend Schwierigkeiten in den Kirchen hatten, denen sie angehörten, gründete er 1926 die Johannische Kirche. Wir erinnern uns, an die Worte des Meisters anlässlich des 1. Kirchentages: „Johannische Christenheit, erkenne dein Ziel in der Überbrückung der Konfessionen durch die Liebe!“ Auch daran erinnern wir uns, dass der Meister schon im Jahre 1932 Schwester Friedchen zum nachfolgenden Oberhaupt bestimmt hat, denn er wollte sein Haus für die ungefähr 300 Gemeinden bestellt wissen, die es bis 1935 gab. Es folgte die Zeit der Verfolgung der Kirchenmitglieder, die Verbannung des Meisters, sein geistiges Vermächtnis: „Haltet den Glauben hoch!“ und sein Heimgang am 06. März 1941. Und wir erinnern uns an seine Zusicherung: „Wenn ich im Fleische nicht mehr unter euch bin, werde ich im Geiste zehnmal stärker unter euch wirken!“ Eingedenk dieser Worte des Meisters begann eine neue Zeit für die Johannische Kirche . Unermüdlich sammelte Schwester Friedchen die wegen des verlorenen Krieges weit verstreut lebenden Kirchenmitglieder und es gelang ihr, schon am 03. Februar 1946 die erste Andacht nach dem Kirchenverbot stattfinden zu lassen.

Wir erinnern uns, dass Berlin zum größten Teil zerstört war, die Mitglieder oft viele Kilo- meter laufen mussten, um diese Andacht erleben zu können, und wir erinnern uns, dass zu dieser Zeit ein in Kirchenfragen einflussreicher Mann, der evangelische Probst Grüber, zuerst Helfer und später Freund der Johannischen Kirche geworden ist, eine Überbrückung der besonderen Art.

Die Zeit des Aufbaus begann: geistig und materiell. Das Sakrament der geistigen Heilung wurde vom Kammergericht Berlin im „Missionshelferprozess“ am 21.07.1948 anerkannt, die Kirchenverfassung mit der theokratischen Ordnung vom Oberverwaltungsgericht Berlin am 25.02.1953. Regelmäßige Andachten in Ost und West werden abgehalten. Das Aufbauwerk wird gegründet, das Kirchenzentrum in Nikolassee, später das SMH gekauft und viele kleine Kirchenhäuser, zum Teil aus alten Häusern oder Scheunen errichtet. Unermüdlich und immer eingedenk der Worte des Meisters, dass er im Geiste zehnmal stärker wirke als im Fleische, bringt Schwester Friedchen die Kirche voran. Ging man zu ihrer Sprechstunde, um eine Frage beantwortet zu bekommen, erhielt man diese und sah sich veranlasst, dem Rat Folge zu leisten. Ich habe einmal den Fehler begangen, nicht zu folgen, und habe es später Jahre lang bereut. Aber ich erinnere mich auch daran, dass Schwester Friedchen in der Schweiz mir die Hände aufgelegt hat, als ich nach dem geistlichen Teil des Chorkonzertes „völlig fertig“ war. Wohlgemerkt: zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht Mitglied der Kirche. 1961 beruft sie Schwester Josephine in das Amt des nachfolgenden Oberhauptes. Wir erinnern uns, dass Joseph Weißenberg als erstes Oberhaupt der Kirche seine Tochter Frieda zum nachfolgenden Oberhaupt bestimmt hatte. Die Fortführung der theokratischen Ordnung und der Kirche nach seinem Heimgang sollte geregelt sein.

Aber Schwester Friedchen ruhte sich noch nicht aus. 1972 wurde in Gößweinstein der Stempferhof, 1976 in Eichenbirkig der Schönhof gekauft und später ein Johannischer Friedhof im ur-katholischen Frankenland erstritten. Erst als die Genehmigung für den Friedhof erteilt war, ging Schwester Friedchen nach einem langen Leben voll Arbeit und Sorge für die Kirche am 10.06.2001 heim. Es war ihr nicht vergönnt, die Übergabe der Friedensstadt an Schwester Josephine vor Ort zu erleben, jedoch war sie vorher mehrmals in der Friedensstadt gewesen, um diese frei zu beten. Schwester Friedchen und Schwester Josephine hatten ihr gemeinsames Ziel erreicht. Die Fortsetzung der Kirchenöffnung und damit der Überbrückung der Konfessionen als ein geistiges Ziel der Johannischen Kirche stößt Schwester Josephine an, als am 06. März 2002 der neue Altar eingesegnet wird: „Gott ist Liebe“ , drei Wörter, die alles beinhalten, was die Johannische Lehre ausmacht. Gleichzeitig wird zum Abendmahl jeder eingeladen, der für sich sprechen kann: „Ich glaube, dass Gott Liebe ist.“

Mit diesem Schritt vollendet Schwester Josephine den Bogen zu Joseph Weißenberg, der sprach: „Mein Werk ist umsonst, wenn die Liebe nicht größer wird!“ Wir erinnern uns, dass die Johannische Kirche Brücken bauen möchte zu allen, die auf der Suche oder auf dem Weg zu Gott sind, wie schon der Meister uns einst erklärte, dass es viele Wege zu Gott gibt, ebenso viele wie zu einer Insel.

Schwester Josephine führte liebevoll und geduldig die Kirche. Sie ließ jedoch viel mehr Freiheit zu, um aus Johannischen Christen mündige Christen zu machen, die mit Gott für Gott ihren Alltag bestehen können. Sie lehrte uns, zu verstehen, dass wir nicht durch viele Worte auffallen sollten, sondern durch unser Wesen, wie es uns schon der Heiland gelehrt hat: „Wisset ihr nicht, wes Geistes Kind ihr seid?“ (Lukas9,55) Wir erinnern uns, dass wir in der Sprechstunde selten eine Antwort auf unsere Fragen erhalten haben, aber immer einen liebevollen Rat, den sie mit uns ins Gebet gelegt hat.

Von ihrer irdischen Arbeit wurde Schwester Josephine am 30.12.2019 abgerufen. In treuer Pflichterfüllung hat sie der theokratischen Ordnung folgend die Leitung der Kirche vorher jedoch in die Hände unserer Brüder Stefan Tzschentke und Daniel Stolpe gelegt.

Ich erinnere mich, dass beide ruhige, ausgeglichene und überlegende Männer sind, ich weiß, dass sie beide ihr Amt im Sinne des Meisters weiter führen werden und ich wünsche mir, dass unser aller Gebete sie begleiten.