Sterben lernen

Gemeindebrief
von Lisa F.
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Immer wieder versammeln wir uns auf unserem Friedhof in Glau und verabschieden uns von lieben Menschen, die ihre Lebenszeit vollendet haben. Und immer wieder bin ich von Herzen froh und dankbar, dass ich diesen Glauben haben darf und diesen menschlich so traurigen Moment als befreiend und tröstlich empfinden kann. Erst wenn man andere Beerdigungen erlebt hat, weiß man zu schätzen, wie schön und aufbauend unsere Abschiedsfeiern sind.

Natürlich sind Angehörige und Freunde auch traurig, wenn jemand heimgeht und das ist auch richtig und notwendig, aber das Wissen um ein Fortleben der Seele nimmt dem Schmerz die Spitze und stärkt das Gottvertrauen. Ganz bewusst überkommt mich jedes Mal wieder die Erkenntnis, dass auch mein Leben begrenzt ist und ich irgendwann auf der anderen Seite sein werde. Immer klarer wird für mich der Spruch: „Von Diesseits nach Jenseits ist nur ein Schritt." Und doch schiebt man dieses Wissen immer wieder weg, denn man möchte noch so viel erleben, erledigen, aufräumen, loslassen und kann sich nicht so richtig vorstellen, dass es vielleicht ganz schnell zu Ende sein kann.

Ein Wort des römischen Dichters und Philosophen Seneca passt dazu: „Leben muss man ein Leben lang lernen, und darüber wirst du dich vielleicht am meisten wundern: Ein Leben lang muss man sterben lernen." (Seneca, 14 v.Chr.- 65 n.Chr.) Sterben lernen - dieser Gedanke hat mich im Innern getroffen. Wie und wo kann man denn sterben lernen? Wahrscheinlich immer, wenn wir etwas loslassen müssen, wenn wir etwas Wichtiges verlieren - z.B. unsere Arbeit oder einen geliebten Menschen, oder wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht und wir vor unerwarteten Herausforderungen stehen, dann ist das ein bisschen wie sterben.

Auch bei jeder Abschiedsfeier auf unserem Friedhof kann ich ein bisschen sterben lernen, denn was ist es anderes als ein kindlich vertrauendes Fallen in Gottes Arme, ein Loslassen dieser Welt und die Freude auf das ewige Leben.